Salzkörner

Montag, 5. November 2018

Was soll das Theater?

Über die Kunst und ihre öffentliche Förderung

142 Stadt-, Staats- und Landestheater gibt es in Deutschland. Hinzu kommen 130 große Klangkörper, also Sinfonie- und Opernorchester. Alle zusammen werden mit einem Betrag von ca. 2,5 Milliarden Euro öffentlich gefördert. Das macht ungefähr 80 Prozent ihres Gesamtbudgets aus. Im Gegenzug dafür erreichen die Theater und Orchester mit ihren knapp 80.000 Veranstaltungen pro Spielzeit etwa 26 Millionen Zuschauer. Schon das sind gewaltige Zahlen. Doch damit nicht genug. Diese schon reiche Landschaft öffentlich getragener Theater und Orchester wird noch ergänzt durch zahllose Festivals und hunderte von Privattheatern sowie solchen der freien Szene. Das macht insgesamt die Bundesrepublik Deutschland zu einem der größten Theater- und Musikländer der Welt.

Doch statt dies stolz, wie die Franzosen ihre Filmkultur, vor sich her zu tragen, hadert man gerne hierzulande mit dieser Vielfalt der darstellenden Künste. Das sei alles zu teuer und stehe dem Streben nach der schwarzen Null öffentlicher Etats im Wege, obwohl die genannten 2,5 Milliarden Euro gerade einmal etwa 0,2 Prozent aller öffentlichen Ausgaben ausmachen. Vor allem die sogenannte Hochkultur sei doch ohnehin nur etwas für die Reichen im Lande, die mögen es dann bitte auch gefälligst bezahlen. Geht doch, man müsse nur mal in die USA schauen. Allen voran der Bund der Steuerzahler, selbst ernannter Tugendwächter öffentlicher Finanzen, polemisiert gerne – nur wenig um Sachaufklärung bemüht – mit teilweise skurrilen Thesen beispielsweise gegen das Stadttheater und die angebliche Subventionierung verkaufter Tickets. Sekundiert wird er gerne von denen, die mit dem Begriff der Werktreue die Keule gegen das Regietheater schwingen. Für das, was manchem Regisseur so durch den Kopf rausche, müsse man doch nicht noch Steuermittel bereit- halten.

Nun, hier soll keineswegs behauptet werden, es sei alles gut, was so in den Theater und Konzertsälen der Republik stattfindet. Warum sollen ausgerechnet die Künste unfehlbar sein, wo doch gerade im Experiment, im Ausprobieren von Neuem ihre große Chance liegt. Dennoch darf man selbstverständlich eine grundsätzliche Frage an die Künste stellen: Wozu das alles? Und zur Beantwortung solcher Fragen ist es immer gut, wenn man da anfängt, wo vorne ist. Im Theater, bei der Musik sind das die Autoren und Komponisten.

Gut erzählte Geschichte

Es ist ganz einfach: Wer etwas aufführen will, muss etwas verfassen. Ohne geschriebenen Text, ohne komponierte Musik geht in der Regel erst einmal nichts. Oder besser gesagt fast nichts, wenn wir mal das heute durchaus verbreitete Projekttheater mit in die Betrachtung einbeziehen. Ich will jetzt nicht erneut Zahlen bemühen, aber wer sich einmal die jährlich erscheinende Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins anschaut, wird kaum zu der Überzeugung gelangen, Stücke brauche es nicht mehr. Das Gegenteil ist der Fall. Denn am Ende ist nicht zu übersehen: Was der Zuschauer schätzt, ist immer noch die gut erzählte Geschichte. Da hat die Weltliteratur ja einiges hervorgebracht, was sich seit geraumer Zeit erheblichen Interesses erfreut. Und gute Autoren gibt es auch heute noch, die in der Lage sind, die Zeitläufte in ein Theaterstück oder ein Libretto zu verpacken.

Also dient das ganze öffentliche Fördern von Theatern und Orchestern erst einmal dem kreativen Schaffen in unserem Lande. Gäbe es diese Kulturinstitutionen nicht, würde niemand Dramatisches schreiben oder komponieren. Denn Dramen und Partituren werden und wurden ja bekanntlich nicht dazu geschrieben, sie zu lesen. All die Menschen, die tagtäglich ins Theater oder ins Konzert gehen, würden doch mangels der dortigen Aufführung keinesfalls zur Lesebrille greifen und im stillen Kämmerlein Dramen und Partituren studieren. Nein, wer die Weltliteratur am Leben erhalten will, wer will, dass Richard Wagners Satz "Kinder, schafft Neues" heute noch gilt, der braucht Autoren und Komponisten, aber genauso Schauspieler, Sänger, Tänzer und Musiker, die etwas aufführen. Und die leben schließlich nicht von der Luft und der Liebe. Also muss auch ihre Arbeit öffentlich finanziert werden.

Leeres Theater ist kein gutes Theater

Allein in den Stadt-, Staats- und Landestheatern sowie in den öffentlich geförderten Orchestern arbeiten über 30.000 künstlerisch Beschäftigte. Sie und natürlich auch die ihnen zuarbeitenden technisch oder administrativ tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kosten einen großen Teil des öffentlichen Geldes, mit dem wir die darstellenden Künste unterstützen. Nicht in irgendwelche toten Apparate fließen die Mittel, sondern direkt in die Künste. Erst recht dienen sie nicht der Subventionierung von Tickets, die werden in Deutschland weitgehend zu den üblichen Marktpreisen an ein wirtschaftlich sehr heterogenes Publikum verkauft. Das bedeutet, dass jeder, der einer Kürzung der öffentlichen Zuschüsse für Theater und Orchester das Wort redet, über die soziale Lage der Künstler, über ihre ohnehin weitestgehend nicht üppigen Gehälter oder gar über den Bestand ihrer Arbeitsplätze befindet. Über 6.000 davon gingen in der jüngsten Vergangenheit schon verloren. Gehaltskürzungen zur Sicherung der Arbeitsplätze sind vielerorts an der Tagesordnung. Nicht zufällig gibt es in den darstellenden Künsten eine erstarkende Gewerkschaftsbewegung und Künstlerinitiativen, die sich für die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen öffentlich engagieren. Deswegen hat der Bühnenverein diesen Gewerkschaften gerade die Erhöhung der monatlichen Mindestgage von 1.850 auf 2.000 Euro – brutto, versteht sich – zugesagt, eine Gage, für die immer noch zahlreiche Schauspieler jeden Tag auf der Bühne stehen und Regieassistenten Nächte durcharbeiten, um die Neuproduktion eines Bühnenstücks zu stemmen.

Und für wen machen sie das? Für niemand Geringeres als den Zuschauer! So wie der Kunde im Supermarkt der König ist, ist es der Besucher im Theater oder Konzertsaal. Um ihn geht es, um ihn soll sich alles drehen. Ein leeres Theater ist kein gutes Theater und ein leerer Konzertsaal kein guter Konzertsaal, sondern eine Verfehlung der Ziele dieses öffentlich getragenen Kunst-Unternehmens. Doch während im Supermarkt das alleinige Ziel ist, Waren anzubieten, die dem Kunden zusagen und zur Kaufentscheidung motivieren, sogar wenn er sie gar nicht braucht, ist die Lage in den Künsten komplizierter. Es geht nicht darum, gefällig zu sein. "Wer dem Publikum hinterherläuft, sieht nur dessen Hinterteil", wusste schon Johann Wolfgang von Goethe. Es geht also vor allem um ein Verständnis dessen, was Theatersäle und Konzerthallen eigentlich sind, womit über die oben getroffenen Feststellungen hinaus erklärt wäre, warum sie und das, was in Ihnen passiert, öffentlich finanziert werden.

Aktive Beteiligung an künstlerischen Prozessen

Fangen wir bei der Stadt an. Sie ist mehr als ein Ballungsraum, sie ist ein soziales und kulturelles Gefüge. Man muss sie gestalten, erst recht wenn man bedenkt, dass immer mehr und immer unterschiedlichere Menschen in den Städten leben werden. Eine anständige Fußgängerzone reicht dafür kaum aus. Und niemand wird in eine Stadt ziehen, nur weil das Einwohnermeldeamt so gut funktioniert. Es sind also Räume gefragt, die dem öffentlichen Diskurs, die der Befassung mit der Welt, mit dem, was den Menschen ausmacht, dienen. Und das sind eben die Theater, die Konzertsäle, die Museen und sozio-kulturellen Zentren, ja, auch die Kirchen. Wo wären wir sonst in der Lage, über uns im öffentlichen Raum zu reflektieren? Gerade in einer Zeit, in der die Demokratie vor großen Herausforderungen steht, ist das wichtiger denn je. Schon lange veranstalten die Theater deshalb nicht nur ihre üblichen Aufführungen, sondern rufen die Bürger einer Stadt zusammen zu Diskussionen, zu aktiver Beteiligung an künstlerischen Prozessen.

Noch einmal zurück zur Kunst. Will sie diesen Anforderungen gerecht werden, darf sie zwar einerseits das Publikum nicht vertreiben, muss aber andererseits durch Provokation, durch Haltung, durch Konfrontation anregen und erregen. Nichts ist schlimmer als ein gelangweilter Zuschauer. Deshalb gibt es Inszenierungen, die dem Zuschauer auch mal eine neue Sicht auf ein Stück ermöglicht. Deshalb gibt es zeitgenössische Musik, die uns wachrüttelt. Deshalb eben ist die Kunst im öffentlichen Raum unverzichtbar.

 

 

 

 

Autor: Rolf Bolwin von 1992 bis 2016 geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins

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