Salzkörner

Freitag, 27. April 2018

Wie eine Idee laufen lernt

#FriedensFinderinnen – ein interreligiöses Netzwerk von Frauen will Initiativen für den Frieden sichtbar machen und neue anregen

Erstmals hat sich ein interreligiöses Netzwerk von Frauenorganisationen – christliche in ökumenischer Verbundenheit, jüdische und muslimische – für die Planung und Durchführung einer zentralen Veranstaltung beim 101. Deutschen Katholikentag in Münster zusammengetan. Ausgangspunkt der gemeinsamen Überlegungen war: Frieden lässt sich nur finden, wenn Fremdheit überwunden wird, wenn man miteinander spricht, füreinander Verständnis gewinnt und gesellschaftliche und politische Probleme, die uns alle betreffen, miteinander angeht. Dies gelingt nur, wenn viele Menschen an einem Strang ziehen.

Nachrichten von einer zunehmenden gesellschaftlichen Verrohung, von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und sinnloser Gewalt erreichen uns täglich. Schon Kinder folgen dem schlechten Beispiel der Erwachsenen und diskriminieren andere wegen ihres Andersseins, seien sie körperlich beeinträchtigt oder Angehörige einer anderen Religion. Dieser Entwicklung ins Extreme, dieser Welle von Gewalt und Hass in unserer Gesellschaft und in anderen Ländern muss eine andere, positive Energie entgegengesetzt werden, die auf gegenseitigen Respekt und ein friedliches Miteinander zielt. Damit und mit der Frage, welcher Beitrag mit der Veranstaltung #FriedensFinderinnen geleistet werden kann, haben sich im Vorbereitungsprozess die Frauen des interreligiösen Netzwerkes auseinandergesetzt.

Was motivierte die Netzwerk-Frauen, sich zusammenzutun?

Zunächst das Thema an sich: Frieden ist ein zentrales Thema der Frauenbewegung seit ihren Anfängen. Religiöse Frauen haben eine besondere Motivation, dafür einzutreten. Man denke etwa an die Initiative der KDFB-Präsidentin Hedwig Dransfeld zum Bau der Frauenfriedenskirche in Frankfurt a. M., die zwischen den beiden Weltkriegen errichtet wurde – mühevoll finanziert durch die Spenden zahlloser Frauen. Mit den #FriedensFinderinnen beim Katholikentag in Münster kann an dieses "Friedenserbe" der Frauenbewegung angeknüpft werden.

Der Blick einer Ordensfrau auf die Friedensfrage ist von ganz eigenen Erfahrungen geprägt. Viele Ordensgemeinschaften setzen sich direkt oder indirekt für den Frieden unter Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen ein. Das Streben nach einem friedlichen Zusammenleben bei aller Vielfalt wird als ein Grundauftrag christlichen Lebens betrachtet. In den Ordensgemeinschaften hat das Bemühen um ein friedliches Miteinander seinen Platz im alltäglichen Gebets- und Gemeinschaftsleben. Nach außen hin tragen Ordensleute an den Orten ihrer Tätigkeiten, durch ihre Beteiligung an Friedensinitiativen und Diskussionsforen aktiv zum interreligiösen Dialog und zum Frieden bei. Jede Veranstaltung, die dies fördert – so auch die #FriedensFinderinnen –, verdient deshalb die Unterstützung durch Ordensfrauen und -männer.

Der Muslimin in der Vorbereitungsgruppe, die Imamin bei einer liberalen Gemeinde und Bildungsreferentin beim Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung ist, ist es besonders wichtig, auch den Gedanken des "Geschlechterfriedens" mit in die Überlegungen einbringen zu können.

Die Vertreterin von AGENDA, dem Netzwerk katholischer Theologinnen, fühlt sich durch die Anknüpfungspunkte an frühere Erfahrungen zur Mitarbeit angeregt. So war für sie die Teilnahme an einer gemeinsamen Tagung von THEOLOGANDA (argentinisches Netzwerk) und AGENDA im Jahr 2016 in Buenos Aires zum Thema "Friedensräume" prägend. Bei dieser Gelegenheit besuchten die Teilnehmenden die "barrio", die armen Vororte, und lernten sie als Orte sozialen und sozial-pastoralen Handelns kennen. Viele persönliche Erfahrungen in Konfliktgegenden in Europa und Asien rief dieser Besuch wach. So war es für die Theologin gar keine Frage, sich bei der Initiativgruppe der #FriedensFinderinnen einzubringen.

Die Vertreterin der kfd hat die Idee des interreligiösen Netzwerkes von Anfang an begeistert. Auf der einen Seite inhaltlich, weil es für sie eine gute Idee ist, das Friedens-potential der abrahamitischen Religionen aus der Sicht von Frauen anzuschauen; auf der anderen Seite, weil es eine spannende Perspektive war und ist, mit interessanten Frauen und Vertreterinnen unterschiedlicher Religionen, Organisationen und Verbände eine Veranstaltung vorzubereiten, die einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt und den Menschen mit allen Sinnen fordert. Mit dieser Initiative knüpft die kfd in Münster darüber hinaus an eine beeindruckende eigene Tradition an. Dort gibt es nämlich seit über 60 Jahren das von Frauen getragene Friedensgebet. Jede Woche wird es von einer anderen kfd-Gruppe gestaltet.

Was wünschen sich die Netzwerk-Frauen im Blick auf die interreligiös getragene zentrale Veranstaltung beim Katholikentag in Münster?

Zunächst einmal ist da der Wunsch, dass sehr viele Frauen – und auch Männer – auf den Domplatz in Münster kommen und diese Performance miterleben und mitgestalten. Mit der Veranstaltung kann dies in einer Weise geschehen, die sowohl sensibel als auch kraftvoll und zugleich anregend und ästhetisch ansprechend ist. Die Veranstaltung will Mut machen, dass das Friedensengagement vor Ort in den Gemeinden, Dörfern und Städten, in den Gruppen der Verbände – und sei es noch so klein und unauffällig – weiter gelebt wird und sich nach dem Schneeballsystem weiter verbreitet. Die Veranstaltung soll dazu beitragen, dass viele wahrnehmen, dass Frieden nicht das Anliegen nur einer Religion oder einer Gruppe ist, sondern, dass sich alle dafür gemeinsam einsetzen müssen und dies auch heute schon tun. Der davon ausgehende gemeinsame Impuls soll über alle Grenzen hinweg gehen. Wenn viele Menschen dazu bewegt werden, sich bewusst und aktiv an interreligiösen Begegnungen zu beteiligen und die Veranstaltung eine ansteckende Freude und Lust auf eigene Aktivität verbreitet und dazu motiviert, Vorurteile loszulassen, auf Menschen zuzugehen, ist viel erreicht. Alle, die gegen die Ängste und merkwürdigen Wahrnehmungen unserer Gesellschaft eine andere Sicht leben wollen, sollen ermutigt werden. Es soll ein Bewusstsein dafür geweckt werden, dass es eine Gerechtigkeitskrise als soziale Krise gibt und dies Ursache für soziale Spannungen ist und nicht etwa der oder die Fremde nebenan.

Wenn viele interreligiöse Netzwerke an einem Strang ziehen, kann dies Offenheit und Toleranz, den Abbau von Barrieren – vor allem in den Köpfen – fördern und das Bewusstsein stärken, dass nur im Frieden ein glückliches und gutes Miteinander möglich ist.

Welche Impulse wünschen sich die Netzwerk-Frauen für die eigene Organisation bzw. Gruppe als Teil dieses neuen interreligiösen Netzwerkes? Welchen Mehrwert ziehen sie aus den neuen Erfahrungen miteinander und welche Perspektive sehen Sie für das Netzwerk?

Einem Netzwerk von #FriedensFinderinnen muss es darum gehen, pragmatisch Barrieren im Alltag zu überwinden, Schulter an Schulter gemeinsam Probleme anzugehen und Lösungen zu suchen. Die Erfahrung der Solidarität innerhalb eines solchen interreligiösen Netzwerkes kann neue Kraft geben, auch die Menschen zu erreichen und mitzunehmen, denen es schwerfällt, sich auf Neues und (noch) Fremdes einzulassen. Die kfd sieht die Chance, verstärkt auf Frauen anderer Religionen zuzugehen und miteinander Leben und Glauben zu teilen. Ein interreligiöses Netzwerk erweitert immer wieder die eigene Sichtweise. Der KDFB begreift das Projekt als einen Impuls, verschiedene Aspekte seiner Arbeit noch mehr als Engagement für den Frieden zu begreifen. Alle Netzwerk-Frauen sind sich darin einig, dass ein Fortbestehen des Netzwerkes die Möglichkeit bieten würde, sich noch weiter interreligiös zu vernetzen, voneinander zu lernen und zu profitieren und aus den gemeinsamen Zielen und Gedanken gestärkt hervorzugehen. Nach dem Katholikentag in Münster müssen dafür ein struktureller Rahmen bzw. konkrete Orte der Erfahrung noch gefunden werden.

 

Interreligiöse Performance – #FriedensFinderinnen – Ein bewegender Impuls

unter Mitwirkung von Imamin Rabeya Müller, Prof. Dr. Gesine Schwan, Rabbinerin Natalia Verzhbovska, Prof. Dr. Martha Zechmeister CJ u. a.

Freitag, 11. Mai 2018, 15.00-16.30 Uhr, Domplatz Münster

 

 

 

 

Autor: Nathalie Pieper und Lioba Speer (ZdK) sowie Mitglieder des interreligiösen Netzwerkes (kfd, KDFB, Ordensoberinnen der DOK, AGENDA – Forum katholischer Theologinnen, Frauenarbeit im Ev. Kirchenkreis Münster, Zentrum für Islamische Frauenforschung und –förd

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