Salzkörner

Montag, 5. November 2018

Wurzel

Editorial

Dass die "Radikalisierung ein Zeichen unserer Zeit" sei, schreibt der Kolumnist Axel Hacke. Vielleicht hat er Recht damit. So schlimm es ist – aber vielleicht kann man der Verrohung der Sprache und der starken Neigung zum Populismus bei offenbar rund einem Drittel der Bevölkerung am Ende doch etwas Gutes abgewinnen.

Vielleicht sind wir durch beides gezwungen, uns bewusster zu werden, warum wir als Christen etwas tun oder warum wir etwas nicht tun, gerade weil wir Christen sind. Radikalität zielt auf die "Wurzel", auf Grundüberzeugungen, auf Haltungen, am Ende auf ethische Grundpositionen. Aggressive Briefschreiber – es sind fast ausschließlich Männer – verweise ich gerne auf das Evangelium, zum Beispiel auf Matthäus 25,40: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."

Axel Hacke reflektiert zu Recht darüber, dass viele Menschen versuchen, in ungewissen Zeiten Sicherheit in einer Absolutheit des eigenen Standpunktes zu finden. Einer Absolutheit, die keinen Widerspruch dulde, also aufgebe, worum es doch im Wesentlichen gehe: die Freiheit. Wenn wir akzeptieren müssen, dass Menschen, auch aus dem "Bürgertum", sich die Freiheit nehmen, gegen Geflüchtete, gegen "Altparteien", gegen gewählte Repräsentanten des Staates, gegen unseren Rechtsstaat, gegen unsere jüdischen oder muslimischen Mitbürger zu hetzen, dann nur, indem wir uns an Frère Roger aus Taizé erinnern. Er sprach von "Kampf und Kontemplation" als Lebensform der Christen. Die Kontemplation ist für den Christen sowieso klar – der Kampf aber auch: Es geht um ein entschiedenes, ja um ein radikales Bekämpfen derer, die unsere christlichen Grundwerte angreifen.

 

 

Autor: Stefan Vesper

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