Salzkörner

Montag, 5. Juli 2004

Zeit für Pflege und Fürsorge

Familiäre Pflege als sinnvolle Ergänzung
Die Pflege kranker und älterer Menschen zu Hause ist nicht nur kostengünstiger als stationäre Versorgung, sie entspricht vor allem auch den Wünschen der Menschen. Durch die stärkere berufliche Mobilität, geringe Kinderzahlen und die höhere Erwerbsquote der Menschen, die künftig als Pflegepersonen infrage kommen, sind die Ressourcen für häusliche Pflege allerdings stark eingeschränkt. Und sie werden in Zukunft noch einmal drastisch begrenzt, weil wir den pflegenden Familienangehörigen unzumutbare Nachteile auferlegen.

Derzeit muss eine von drei Pflegepersonen ihre Erwerbstätigkeit wegen der Pflege aufgeben. Da es sich dabei um Menschen handelt, die durchaus noch im so genannten erwerbsfähigen Alter stehen – das Durchschnittsalter der Pflegenden liegt bei Anfang 50 – wird der größte Teil von ihnen nach Beendigung der Pflegeaufgabe auf dem Arbeitsmarkt ohne Chancen sein. Die Entwicklung der Alterssicherung erfordert aber künftig, dass möglichst lange Beschäftigungszeiten erreicht werden. Deshalb müssen die unzumutbaren Nachteile, die derzeit mit Pflegetätigkeit verbunden sind, unbedingt beseitigt werden.

Vorschlag "Pflegezeit"

Ich habe vorgeschlagen, analog zur Erziehungszeit eine Pflegezeit einzuführen, die es Angehörigen erlaubt, ihre Erwerbstätigkeit vorübergehend zu reduzieren bzw. zu unterbrechen. Dieser Vorschlag wäre nicht aufwändig, da eine materielle Absicherung durch das Pflegegeld bereits vorhanden ist. Die Pflegezeit könnte zunächst befristet eingeführt werden. In dieser Zeit sollten die pflege-, arbeitsmarkt- und frauenpolitischen Wirkungen wissenschaftlich beobachtet und ausgewertet werden. Die Ausgestaltung der Regelungen soll sich weitgehend an denen der Elternzeit orientieren. Ein Anspruch auf Pflegezeit sollten Eltern, Kinder, Geschwister oder Partner aus Lebensgemeinschaften erhalten, wenn bei den Pflegebedürftigen ein vom Medizinischen Dienst der Krankenkasse festgestellter Pflegebedarf von mindestens 14 Stunden wöchentlich besteht, damit ein Anspruch auf Übernahme der Rentenversicherungsbeiträge durch die Pflegeversicherung gegeben ist. Eine mindestens halbjährige Betriebszugehörigkeit sollte Voraussetzung sein. Die Freistellung sollte mit einer Mindestdauer von einem Jahr erfolgen, um für die Betriebe und die Ersatzkräfte Planungssicherheit zu schaffen. Eine Verlängerung soll zweimal um jeweils ein Jahr möglich sein. Personen, die Pflegezeit in Anspruch nehmen, sollten sich freiwillig in der Arbeitslosenversicherung weiterversichern können.

Nicht Ersatz für professionelle Versorgung

Zusätzliche Kosten dürften auch für Unternehmen nicht entstehen. Da das Gehalt entfällt, kann ohne Mehraufwand eine Ersatzkraft eingestellt werden, die häufiger, weil jünger, auch billiger sein dürfte. Der Betrieb hat den Vorteil, nach der Pflegezeit auf zwei erprobte Kräfte zurückgreifen zu können.

Die Pflegezeitregelung ist selbstverständlich keine Lösung für alle Probleme, die künftig im Pflegebereich auf uns zukommen. Die Pflegezeit kann die häusliche Pflege nur für eine Übergangsphase entlasten. Sie kann den Beginn der vollstationären Versorgung hinausschieben. Familiäre Pflege ist ja nicht die Alternative zu einer professionellen Versorgung, aber die menschlich wie ökonomisch günstigste Lösung in einer bestimmten Phase des Pflegeprozesses.

Qualität der häuslichen Pflege verbessern

Das setzt allerdings voraus, dass neben dem Rechtsanspruch auf Unterbrechung der Erwerbstätigkeit für die pflegenden Angehörigen Anleitung und Beratung durch Fachpersonal zur Verfügung stehen. Das ist auch wichtig für die Qualitätsverbesserung der häuslichen Pflege. Immer noch herrscht die Vorstellung, für die häusliche Pflege reiche ein gutes Herz und zwei Hände, die zupacken können. Das ist natürlich Unsinn. Qualifikation ist auch hier die Voraussetzung dafür, dass die Ressourcen sinnvoll eingesetzt und Überforderungen vermieden werden. Das gilt für die Profi- so- wie für die "Laienpflege". Letztlich geht es um eine ununterbrochene Angebotskette von der vollständigen Selbständigkeit bis zum vollständigen Hilfebedarf, in dem der Anteil der Professionellen immer weiter zu- und der der Pflege-"Laien" allmählich abnimmt. Die Pflegezeit wäre in dieser Kette ein wichtiges Glied.

Autor: Dr. Regina Görner, Sozialministerin des Saarlandes

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