Salzkörner

Dienstag, 25. August 2020

Zusammenfügen, was nicht zusammenpasst

Reisen trotz und mit Corona

Themen wie „Urlaub“ und „Reise“ sind zur Zeit verbunden mit dem „Aber“-Wort! Urlaub ist okay (zumal im Sommer), aber … – Reisen sind notwendig (privat und geschäftlich), aber …! War das „Aber“ in den ersten Monaten des Jahres noch verbunden mit „Umwelt“, „Klima“ und „Greta Thunberg“, so hat sich das Bindemoment verändert: Das „Aber“ ist mittlerweile die sprachliche Vorwarnung zum Phänomen „Corona“. Das COVID-19-Virus hat sich nicht nur in menschliche Körper hineingedrängt, sondern bestimmt aktuell das Leben in der Gesellschaft und ihre Mobilität. Es ist prinzipiell die Absicht einer (Urlaubs-)Reise, einen anderen Ort aufzusuchen. Man erwartet nicht nur Ortswechsel, sondern auch Entspannung der besonderen Art, und mehr noch, das Erfahren ganz neuer Eindrücke.

„Reiseberichte“, mit diesem Titel erschien kürzlich ein Band des Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld. Er versammelt 35 (von insgesamt 1500 vorliegenden) Berichte des Verlagschefs an seine Mitarbeiter*innen. Urlaubsreisen kann man Unselds Touren nicht nennen, sondern es handelte sich vor allem um Besuche bei Autor*innen, Literaturschaffenden und gesellschaftlichen Größen. Unselds Reiseberichte erzählen kaum von der Schönheit der besuchten Orte oder vom Menü-Ablauf der vielen Arbeitsessen, sondern vielmehr von den Anliegen und Vorstellungen seiner Klient*innen. Henry Kissinger, Peter Handke, Max Frisch und wie sie alle hießen, mit denen Unseld auf seinen Reisen zu tun hatte, waren seine Gesprächspartner. Die Rapporte an seine Mitarbeiter*innen geben Anweisungen, wie in unterschiedlichsten Verlagsangelegenheiten zu verfahren ist. Man staunt beim Lesen, wie geschäftstüchtig die einen sind und wie sensibel die anderen.

„Reisen bildet!“, heißt es. Und die Berichte des Verlagsleiters zeigen, wie sehr auch er profitiert vom Reisen. Flüchtige Beobachtungen der besuchten Orte wurden notiert, aber auch Museumsbesuche (oftmals gemeinsam mit den Gesprächspartner*innen) finden Erwähnung. Fast 40 Jahre Geschäftsreisen der besonderen Art, auf hohem Bildungs- und Erfahrungsniveau – die Lektüre ließ mich neidisch und nachdenklich gleichzeitig werden …

Reise: theologisch und spirituell gleichzeitig

In Texten der Bibel und in vielen Mythen findet sich das Phänomen der Reise dokumentiert. Die Reise an sich hatte keineswegs den Charakter eines Erholungsurlaubs, sondern war trotz aller Strapazen Teil von Muße und Kontemplation. Beispielhaft seien genannt die Wanderung des Gilgamesch, das Unterwegssein in der Odyssee oder die Argonautensage, aber auch die verschiedenen Reisen, die in den neutestamentlichen Büchern beschrieben sind. So verorten sich Gemeinschaften durch die Reisemotivik als Herkunftsgemeinschaft und schreiben sie fort. Prozesse der Herkunft, Abreise und Wiederkehr spielen in der Literatur immer wieder eine Rolle, die Mythen bauen aufeinander auf, kopieren, fokussieren und erweitern ihre Perspektive. Es ist die Suche nach den Anders-Orten, welche die Reisen bestimmten. So beschreiben die Evangelisten die zielorientierte Wanderung Jesu. Die paulinischen Reisebeschreibungen gehen von einem theologisch motivierten Grundduktus aus. Das Werden des Christentums wird als Ausbreitungsgeschichte konzipiert, der Weg ist gleichsam ekklesiologisches Programm.

Reisen – trotz und mit Corona

Im Falle der COVID-19-Pandemie wurde man durch den Lockdown empfindlich daran erinnert, wie fragil das soziale Leben ist, auf dessen Rhythmus man sich im Laufe des Lebens eingestellt hat. Die gewohnten Prozesse der Arbeits- und Freizeit erfahren eine jähe Unterbrechung, wenngleich mit neuen Dimensionen – der kurze genehmigte Spaziergang um den Häuserblock erlaubt einen neuen unverstellten Blick für das Naheliegende. Dann wird die Reisesehnsucht in die große weite Welt relativ.

 

 

 

Autor: Dr. Thomas Eggensperger OP, M. A. | Professor für Sozialethik an der Phil.-Theol. Hochschule Münster, Direktor des Institut M.-Dominique Chenu Berlin

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