Ansprache zum 3. Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt

von Bettina Limperg im Rahmen der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) - es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrter Herr Präsident Prof. Sternberg,

sehr geehrte, liebe Frau Prof. Sattler,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich danke Ihnen herzlich, dass ich mich zu morgendlicher Stunde in dieser großen und illustren Runde als die evangelische Präsidentin des 3. ÖKT 2021 in Frankfurt vorstellen darf. In wenigen Tagen werden die gemeinsamen, großen  Gremien ein erstes Mal miteinander tagen und beginnen, die Weichen für ein Großereignis zu stellen, das lange hat auf sich hat warten lassen. Ganze elf Jahre werden zwischen dem 2. ÖKT 2010 und dem in Frankfurt liegen. Eine Zeit, die Bände spricht über die Schwierigkeiten, die dieses Fest aufwirft. Deshalb möchte ich zuallererst all denjenigen danken, von Herzen danken, die sich für diesen 3. ÖKT stark gemacht haben, die ihn auf den Weg gebracht und nun in die Zielgerade eingeführt haben. Denn es ist schon vieles gewachsen an Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Personen und Institutionen.

Ich selbst bin in mehrfacher Hinsicht eine Quereinsteigerin: Freikirchlich in Wuppertal aufgewachsen, habe ich mich erst mit 33 Jahren evangelisch taufen lassen und gehöre seither der württembergischen Landeskirche an. Zugleich bin ich als Juristin theologisch nicht vorbelastet und habe vermutlich auch einen stark methodologisch geprägten Blick auf die Dinge. Ich hatte das große Glück, für meinen Lehrer E.-W. Böckenförde auch staatskirchenrechtliche Fragen beim Bundesverfassungsgericht bearbeiten zu dürfen – dabei habe ich seinerzeit viel über innerkirchliche Selbstverständnisse und die vielfältigen Bezüge zwischen Staat und Kirchen gelernt. So fügt die Präsidentschaft des 3. ÖKT manches zusammen und ich freue mich - bei aller Demut vor der Aufgabe - sehr auf die spannenden gemeinsamen Wege, die wir in den nächsten Jahren zusammen gehen dürfen.  Namentlich freue ich sehr auf die Zusammenarbeit mit Ihnen, lieber Herr Prof. Sternberg und Ihnen, liebe Frau Sattler, die Sie beide als lustvolle Streiter für die Ökumene gelten dürfen! Unsere ersten Begegnungen und Gespräche haben die feste Überzeugung wachsen lassen, dass wir gemeinsame Wege nicht nur suchen, sondern auch finden werden.

Im Großraum Frankfurt warten mit großem Engagement die EKHN, das Bistum Limburg, aber auch die benachbarte Evangelische Kirche von Kurhessen/Waldeck und die Bistümer Mainz und Fulda auf den ÖKT. Wir erleben schon heute die Begeisterung und Freude einer ganzen Region. Weit im Vorfeld wachsen so schon Strukturen des guten Miteinanders und belastbare Strukturen der Zusammenarbeit.

Trotzdem frage ich mich manchmal, ob die Welt eigentlich auf den ÖKT wartet. Ehrlicherweise muss die Antwort wohl heißen: Nein. Die Welt wartet nicht auf den ÖKT. Aber die Welt wartet auf Antworten zu vielen Gerechtigkeitsfragen. Weltweit, aber auch hier in Europa sind Fragen des Schutzes, der Teilhabe, der gerechten Verteilung von Gütern und Rechten aufgeworfen, die wir dringendst, für unsere und die kommenden Generationen bearbeiten und beantworten müssen. Die Welt, das sind Millionen Christinnen und Christen in Deutschland und weltweit, aber auch Musliminnen und Muslime, Buddhistinnen und Buddhisten und viele weitere Gläubige sowie die wachsende Zahl der Nicht-Gläubigen. Sie alle stellen Fragen und warten auf Antworten. Zum christlichen Glauben gehört untrennbar die Hoffnung. Die tiefe Hoffnung, die Leiden, Konflikte, Kriege, Ungerechtigkeiten und ihre Ursachen zu überwinden. Und wenn es einen gemeinsamen Glauben der Weltreligionen geben sollte – und davon bin ich überzeugt – dann ist es der Auftrag, dieser Hoffnung Zeit und Ort zu verleihen.

Dazu gehören auch die Kirchen– und die Katholikentage. Sie sind solche Orte der Hoffnung, des Arbeitens und Suchens nach Wegen in eine friedvollere und gerechtere Ordnung unter den Menschen. Kirchen- und Katholikentage  gerade als Laienbewegungen sind dazu da, mit Leidenschaft, mit Feuer,  Inbrunst und Ernsthaftigkeit Wege zu suchen und zu finden, und sie manchmal von unseren eigenen Kirchen auch einzufordern. Das gilt natürlich auch für die aktuellen Fragen etwa nach der Aufarbeitung unseres, ich denke man kann sagen, beiderseitigen Versagens bei der Aufarbeitung des Unrechts, dass unter dem vermeintlichen Schutz der Kirchen Opfern sexueller Gewalt angetan worden ist. Mit Respekt und großer Zustimmung habe ich Ihre Ausführungen dazu jüngst in der FAZ gelesen, lieber Herr Sternberg: Mit Ihnen bin ich der sicheren Überzeugung, dass nur mit einer Veränderung der Strukturen und der Stärkung transparenter, belastbarer Verfahren nicht nur Unrecht aufgearbeitet, sondern vor allem auch weiteres Unrecht vermieden werden kann. Das gilt im Übrigen sowohl für die katholische als auch die evangelischen Kirchen. Der ÖKT steht für die Gemeinsamkeit des Auftrags der christlichen Konfessionen. In Ergänzung und Erweiterung der Themen der Kirchen- und Katholikentage hat er für mich drei wesentliche Aufgaben:

Zum einen muss er natürlich den Blick auf die innerchristliche Ökumene richten. Auf die Ökumene, die sich mit Unterschieden zwischen der katholischen und den Evangelischen Kirchen beschäftigt und mit der Frage, was uns trennt oder eint. Ich gebe allerdings zu, dass ich ein wenig Schwierigkeiten damit habe, hier den ersten Schwerpunkt zu setzen. Denn kann ich noch das verschiedene Amtsverständnis der Kirchen theoretisch begreifen, weil mir die dazu verwendete Sprache und Argumentation aus dem rechtlichen Kontext vertraut ist, so fällt mir das genaue Umschreiben der Unterschiede und ihrer Relevanz für die gemeinsame Wahrnehmung des Abendmahls oder der Eucharistie schon sehr schwer. Und das gilt übrigens auch für die innerevangelischen Unterschiede, über die ich gerade viel lerne. Als Laiin kann ich, obgleich ich mit schwierigen Texten von Berufs wegen durchaus vertraut bin, manch theologische Begründung für das Trennende schon intellektuell kaum nachvollziehen; in meinem Herzen kann ich es eigentlich gar nicht.  Ich verstehe einfach nach wie vor nicht, warum uns als Christinnen und Christen die Gemeinschaft, und sei es in der Vielfalt, vor dem Tisch des Herrn nicht gelingen sollte. Eucharistie: „ich sage Dank“, kann denn das so schwer sein? Es geht auch gar nicht darum, ob sich der eine dem anderen oder der andere dem einen anschließt. Es mag und wird gemeinsame dritte Wege geben. Gerade als Richterin bin ich es gewohnt, auch mit vermeintlich unlösbaren Konflikten umzugehen. Oft gibt es gerade dann ganz unverhoffte, tragfähige Lösungen, wenn man sich der Unausweichlichkeit des Konflikts klar geworden ist und ihn stehen lassen kann. Dann ergibt sich die Chance, mit offenem Herzen und wachem Interesse am Anderen eine neue Perspektive einzunehmen. Das gilt für mich in gleichem Maße auch für die Fragen der gleichberechtigten Teilhabe der Frauen sowohl in der katholischen Kirche als auch, aus anderen Gründen, in den Leitungsstrukturen der evangelischen Seite. Gerade für uns Laiinnen sind die akademischen Fragen nicht von zentraler Bedeutung und wir sollten uns – bei allem erforderlichen theologischen Ringen - als Kirchen-, Katholiken- oder Ökumenischem Kirchentag die Schuhe der verfassten Kirchen auch nicht allzu schnell anziehen. Ich hoffe sehr und werde dafür arbeiten, dass der Erfolg des Ökumenischen Kirchentages nicht auf die Frage nach dem Vollzug des gemeinsamen Abendmahls, der gemeinsamen Eucharistie reduziert wird. Schon heute ist die mir meistgestellte Frage die, ob es denn diesmal gelingt. Ich weiß es nicht. Aber ganz sicher werden wir in christlicher Gemeinschaft weitere Wege finden, wenn wir uns offen und respektvoll begegnen.

Wichtig scheint mir zweitens ein Blick über die christliche Ökumene hinaus auch auf andere Religionen, auf dort trennendes und verbindendes. Auch hier sollten wir den Dialog suchen und gemeinsames betonen, statt trennendes zu zelebrieren.

Der dritte und für mich ganz wesentliche, entscheidende Auftrag des ÖKT ist als Aussage bereits im gemeinsamen Grundlagenpapier zu finden:

„Gemeinsam Zeugnis geben und die Welt mitgestalten“. Gemeinsam, als Christinnen und Christen und im Dialog mit den anderen Weltreligionen, müssen wir Standpunkte klären und nach Antworten suchen auf die Fragen der Menschheit, Gerechtigkeitsfragen und Fragen der Teilhabe an den knappen Gütern dieser Welt. Dialogbereit, mit wachem und kritischem Verstand müssen wir die Sorgen und Probleme, aber auch die Hoffnung benennen und nach gemeinsamen christlichen Wegen zur Lösung der uns gestellten Aufgaben in dieser Welt suchen. Ob Medizintechnik, bewaffnete Konflikte, Fragen nach dem Sterben, der Umwelt, der Weltwirtschaft, von Ressourcenverantwortung, Bildung und Teilhabe: hier müssen wir gemeinsam Farbe bekennen und gemeinsame christliche Standpunkte einnehmen – für die Menschen, für den Glauben und für diese Welt.

Dafür eignet sich kaum ein Ort besser als Frankfurt. Frankfurt ist globalisierte Weltstadt, Wirtschafts– und Bankenstandort, in Frankfurt treffen ökonomischer Glanz und das Elend der Großstadt aufeinander, Frankfurt ist lebendige Stadt der Kunst und handfester Kultur – wo könnte man besser ringen um gemeinsame Positionen als hier?

Wenn ich in Bildern sprechen darf, wünsche ich mir – und das habe ich auch schon einmal in Fulda so ausgedrückt - in Frankfurt eine große Schale voller fruchtbarer Erde, in die wir die Samen und Setzlinge der Gemeinschaft und des gemeinsamen christlichen Glaubens pflanzen und die bald einen bunten, prallen und lebendigen Lebensraum bildet; ich wünsche mir ein gut ausgestattetes Schutzbeet für die empfindlichen Samen und Sämlinge, die wir vielleicht noch nicht in Frankfurt werden ernten können, für die wir aber Spezialdünger und gutes Werkzeug für eine nachhaltige Aufzucht in Frankfurt entwickeln sollten; und ich denke, wir sollten das ganz kleine Schälchen mit den wenigen harten und vertrockneten Erbsen aushalten, es vielleicht behutsam auf die Seite stellen und mit der innigen Hoffnung begleiten, dass sich auch hier ein Klima finden wird, in dem selbst solche Saat aufgehen kann.

Lassen Sie uns alle mit Jesaja 51,3 am Garten des Herrn arbeiten, damit aus Wüsten Gärten werden und Wonne und Freude darin zu finden ist, Dank und Lobgesang. Eines gibt es im Garten des Herrn nämlich ganz sicherlich nicht: Mauern und Zäune der Trennung!

Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit!

 

Bettina Limperg Präsidentin des Bundesgerichtshofes und evanglische Präsidentin des 3. ÖKT Frankfurt 2021

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