Rede der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Lisa Paus, MdB,

im Rahmen der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) - es gilt das gesprochene Wort

Liebe Mitglieder des Präsidiums,
liebe Delegierte,
liebe Kolleg*innen aus dem Bundestag, den Länderparlamenten und dem Europäischen Parlament,

ich freue mich sehr, heute auf der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken dabei zu sein. Danke für Ihren freundlichen Empfang.

Sie haben sich bereits heute Morgen dem Thema Israel und Antisemitismus gewidmet.

Mir ist eine klare Haltung wichtig. Darum lassen Sie mich als Vertreterin der Bundesregierung zum schrecklichen Angriff der Hamas gegen Israel am 7. Oktober eines sagen:

Israel hat wie jeder andere Staat das Recht, sich gegen bewaffnete Angriffe zu verteidigen, solange diese fortdauern. Die Sicherheit und das Existenzrecht Israels sind für uns nicht verhandelbar.

Gleichzeitig sehen wir das Leid der Palästinensischen Zivilbevölkerung und setzen uns als Bundesregierung ohne Unterlass für eine Verbesserung der humanitären Lage der Menschen in Gaza ein.

Es ist gut, dass auch die katholische Kirche in Deutschland klar und eindeutig Position bezieht– wir brauchen Ihre Stimme! Herrn Bischof Bätzing danke ich für seine Worte zum 85. Jahrestag der Pogromnacht – Sie erlauben, dass ich zitiere.

„Antisemitismus hat viele Gesichter. Er ist nach wie vor eine gesellschaftliche Realität, die immer noch Leben und Eigentum von Jüdinnen und Juden in diesem Land bedroht.“

Damit dürfen wir uns nicht abfinden! Wir sind alle in der Verantwortung, Antisemitismus entgegenzutreten und uns solidarisch an die Seite jüdischer Menschen in Deutschland zu stellen. In Kirche, Politik und Alltag. Nie wieder sollen Jüdinnen und Juden in Deutschland Angst haben müssen.

Das ZdK ist erst relativ spät nach Berlin umgezogen – 2022. Ich weiß – Berlin ist nicht gerade das Zentrum katholischen Lebens in Deutschland. Aber hier schlägt das parlamentarische Herz des politischen Diskurses. Hier gehören Sie hin. Hier stellen Sie sich dem Dialog und bringen sich in Debatten ein.

Darum von meiner Seite – als Familienministerin und Berlinerin:
Herzlich Willkommen in Berlin!

Ich freue mich, dass ich heute über Familienpolitik sprechen darf.

Und dazu im Anschluss mit Ihnen in den Austausch gehen kann. Unter dem Titel „Gute Chancen für alle – Familienpolitik der Zukunft“.

Bei allen Unterschieden sehe ich: Wir ziehen an einem Strang:

Sie haben immer wieder an die Politik appelliert, Familien zu unterstützen. Damit Kinder gut aufwachsen können! Sie führen uns vor Augen, wie die aufgeheizten politischen Debatten der letzten Zeit auf Familien wirken. Wie sehr sich gerade die ausgegrenzt fühlen, die sich schon vorher als Verlierer sahen.


Liebe Delegierte,

ich will keine Spaltung. Ich will eine Familienpolitik für alle!

Das Leben ist bunt, Familie ist bunt. Prälat Jüsten hat erkannt: Mit dieser Ampel kommt eine Regierung in die Verantwortung, die dieser Realität Rechnung tragen will.

Das stimmt. Denn alle Familien eint eine Grundfarbe: Sie übernehmen Verantwortung füreinander.

Aktuell stehen viele Familien besonders unter Druck. Das werden Sie sicher auch wahrnehmen. Ob persönlich, in ihrem privaten, beruflichen oder im kirchlichen Umfeld.

Die Jahre der Pandemie und die Preissteigerungen sind eine enorme Herausforderung. Die multiplen, sich überlappenden Krisen belasten und verunsichern.

Erst recht jetzt brauchen Menschen Sicherheit. Erst recht jetzt ist es die Kernaufgabe unseres Staates, diese Sicherheit zu schaffen. Halt zu geben.

Familien brauchen dafür dreierlei. Sie brauchen Geld. Sie brauchen Zeit. Und sie brauchen eine gute Infrastruktur.

Dieser familienpolitische Dreiklang muss immer wieder neu ausbuchstabiert werden. Denn die Zeiten ändern sich – und mit ihnen die Lebensrealitäten.

Und genau wie Sie mit dem Synodalen Weg für Veränderungen in der katholischen Kirche streiten, setze ich mich dafür ein, dass unsere Familienpolitik zu unseren Familien passt.

Das ist gewiss kein Sprint – sondern eher ein Langstreckenlauf. Dieser Vergleich in einem Interview mit Ihrem Generalsekretär Marc Frings hat mir gut gefallen.

Zur Familienpolitik der Zukunft gehört die Kindergrundsicherung.

Mit ihr geben wir Sicherheit. Mit ihr schließen wir eine große Gerechtigkeitslücke. Es geht darum armutsgefährdete Kindern besser abzusichern; ihnen zu helfen; allen Familien die Unterstützung zu geben, die ihnen zusteht – garantiert und ohne Scham – und Eltern zu entlasten, indem sie wissen: sie und ihre Kinder sind abgesichert.

Wir haben das Gesetz zur Kindergrundsicherung in den Bundestag eingebracht – heute hat der Bundesrat beraten. Für den Familienbund der Katholiken hat Herr Dantlgraber im Bundestags-Ausschuss dazu Stellung genommen.

Ich will gar nicht verhehlen: Wir sind uns nicht in allem einig. Aber wenn Sie sagen: Familien brauchen Leistungen, die sie erreichen. Und sie brauchen eine auskömmliche finanzielle Grundlage – dann kann ich Ihnen nur zustimmen.

Mit Ihnen, liebe Frau Dr. Stetter-Karp, konnte ich schon im vergangenen Jahr beim Parlamentarischen Abend des Deutschen Vereins über die Kindergrundsicherung sprechen.

Ich danke Ihnen für Ihren Einsatz – für die Zukunft unseres Landes und die Gegenwart unserer Kinder. Denn genau darum geht es bei der Kindergrundsicherung.

Die Kindergrundsicherung ist ein Systemwechsel! Das haben jüngst auch die Wirtschaftsweisen in ihrem Gutachten bestätigt: „Die geplante Kindergrundsicherung kann dafür sorgen, dass mehr Anspruchsberechtige die ihnen zustehenden Transferleistungen tatsächlich in Anspruch nehmen. Dies würde zur Senkung der Armutsgefährdung bei Kindern beitragen.“

Mit der Kindergrundsicherung führen wir wesentliche finanzielle Leistungen zusammen, die Familien zustehen. Sie werden künftig über eine einzige Stelle berechnet: Über den neuen Familienservice, zu dem die Familienkassen jetzt ausgebaut werden.

Für Familien und ihre Kinder ist damit klar, dass sie künftig mit dem neuen Familienservice einen Ansprechpartner vor Ort haben. Egal, in welcher Lebens- und Einkommenssituation sie sich befinden.

Er informiert die Eltern proaktiv, ob ihnen mehr als der Basisbetrag der Kindergrundsicherung zustehen könnte. Und zahlt den Kindergarantiebetrag – vormals Kindergeld – aus. Plus den Kinderzusatzbetrag, je nach Einkommen der Eltern und Alter der Kinder.

Damit sind echte Leistungsverbesserungen verbunden. Liegt die Inflation 2025 wieder bei 3 %, ergäben sich in der Kindergrundsicherung 532 Euro für die kleinsten und bis zu 638 Euro für die ältesten Kinder: Eine Investition in Chancengerechtigkeit!


Ebenso wie ausreichende finanzielle Mittel brauchen Familien – Zeit.
Mit meiner Familienpolitik der Zukunft möchte ich mehr Zeit für Familien schaffen – und partnerschaftliche Aufgabenteilung erleichtern.

Dazu ist das Gesetz zur Familienstartzeit ein wichtiges Instrument.

Mit der Familienstartzeit können sich Väter oder Partner*innen künftig für die ersten zehn Arbeitstage nach der Geburt ihres Kindes bei voller Lohnfortzahlung freistellen lassen. So können sich Mütter nach der Geburt gut erholen. Paare haben mehr Zeit, gemeinsam in diese neue Lebensphase zu starten. Und können gleich in der Elternzeit die Weichen für ihr Familienleben stellen.

Damit eine partnerschaftliche Aufgabenteilung gelingen kann, brauchen Familien unsere Unterstützung. Sie brauchen gute Kitas. Eine verlässliche Nachmittagsbetreuung im Grundschulalter. Eine gute Infrastruktur.

Diese bedarfsgerecht auszubauen und dabei die Qualität im Blick zu behalten – das sind für Sie wie auch für mein Haus zentrale Themen.

Denn frühkindliche Bildung legt den Grundstein für einen guten Bildungs- und Lebensweg und fördert Chancengleichheit. Darum engagiert sich der Bund seit langem mit Investitionen in Milliardenhöhe für Kitas, Kindertagespflege und schulischen Ganztag.

Ob Kleinkind oder Grundschüler: Wir wollen Teilhabechancen für alle Kinder. Und gleichzeitig dazu beitragen, dass Mütter wie Väter Familie und Beruf leben können.


Familie und Beruf leben können – auch für Menschen, die sich um ältere Nahestehende sorgen, ist das eine Herausforderung. In Deutschland tun das insgesamt 7,1 Millionen Menschen. 4,1 Millionen neben ihrer Erwerbstätigkeit.

Wir wissen: Pflege braucht Zeit!

Darum wollen wir mit der Reform zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf eine zeitlich befristete Auszeit vom Beruf erleichtern – wie bei Elternzeit und Elterngeld.

Wir wollen mehr zeitliche Flexibilität für Pflegende erreichen – denn Pflegeverläufe sind nicht planbar. Wir wollen Nahestehende einbeziehen – denn das entspricht den gelebten sozialen Beziehungen. Wir wollen Brücken zur Erwerbstätigkeit neben der Pflege bauen – denn Pflege darf/soll nicht zum dauerhaften Ausstieg aus dem Beruf führen.

Damit sorgen wir für wirtschaftliche Stabilität in den Familien – und leisten zugleich einen Beitrag zur Fachkräftesicherung.


Liebe Zuhörende, Menschen sind vielfältig und Familien bunt. Sie unterscheiden sich darin, wo und wie sie leben. Für wen sie sorgen. Wieviel Zeit sie haben – und wieviel Geld. Und – nicht zuletzt – welche Erwartungen sie an Politik haben.

Zwischen diesen verschiedenen Interessen und Milieus brauchen wir einen Austausch. Wir brauchen Räume, in denen Menschen miteinander in Kontakt kommen.

Wo sie Solidarität und Zusammenhalt entstehen sehen und erleben können. Räume, wie das ZdK für die katholische Kirche einer ist.

Als Gesellschaftsministerium arbeiten wir daran, den Bedürfnissen von Familien, Senioren, Frauen und der jungen Generation Raum zu geben – und tragfähige Kompromisse für alle zu finden.

Dazu gehört auch, den familienpolitischen Dreiklang immer wieder neu ausbuchstabieren – Geld, Infrastruktur, Zeit.

Viel zu oft werden einzelne Elemente dieses Dreiklangs gegeneinander ausgespielt. Zum Beispiel Geldleistungen gegen eine gute Infrastruktur.

Dies haben wir immer wieder auch bei der Kindergrundsicherung gehört – als ginge es um Geld oder Bildung. Nein: Wir wollen beides.

Und natürlich brauchen Familien finanzielle Sicherheit ebenso wie ausreichend Zeit für die Familie oder Pflege. Plus eine gute Infrastruktur.

Familien brauchen all das! Dieser Dreiklang ist Familienpolitik der Zukunft.

Als Zentralkomittee der deutschen Katholiken tragen Sie mit ihrem Einsatz in besonderer Weise dazu bei, dass die Belange von Familien gehört werden.

Darum freue ich mich über Ihre Stimme! Auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind. Wir brauchen Sie. Denn nicht nur Familie ist bunt – unsere Gesellschaft ist es auch!

Und darum freue ich mich jetzt auf eine lebendige Diskussion mit Ihnen.

Vielen Dank!

Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Lisa Paus, MdB

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