‚Magnifica Humanitas’ fordert verantwortlichen Umgang mit Künstlicher Intelligenz
ZdK würdigt erste Enzyklika von Papst Leo XIV.
Als „starkes Zeichen für eine Kirche, die die Herausforderungen der Gegenwart erkennt und sich konstruktiv einmischt“ würdigt die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Dr. Irme Stetter-Karp, die heute veröffentlichte Enzyklika „Magnifica Humanitas“. „Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz geht es mehr denn je um den Menschen. Das sagt Papst Leo XIV. mit jedem Satz. Der Mensch muss Verantwortung für die Entwicklung, Nutzung und Zukunft der KI übernehmen. Das technisch Mögliche einfach zu tun, es nicht zu bewerten, betrachtet er als eine der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts. Für mich ist eine seiner stärksten Aussagen: ‚Wir können KI nicht als moralisch neutral betrachten.‘“
Die Enzyklika beziehe ihre Stärke daraus, dass Papst Leo XIV. es unterlasse, allgemeine Appelle an die Ethik zu richten „Der Papst wird sehr konkret, indem er angemessene rechtliche Rahmenbedingungen, eine unabhängige Aufsicht, die Aufklärung der KI-Nutzer und einen politischen Raum fordert, der sich seiner Verantwortung nicht entzieht. Zu diesem politischen Raum gehört für ihn der öffentliche Diskurs darüber, wie wir künftig leben wollen und welche Werte uns – und damit auch die KI – leiten. Es ist gut“, so Stetter-Karp, „dass er dabei die Kirche nicht nur als Lehrende, sondern als Lernende in den Blick nimmt, dass er sie in einem Diskurs auf Augenhöhe mit anderen Playern einführt, dass er vor allem darauf verweist, dass die Kirche selbst Kritik nötig habe und sich durch sie verbessere“.
Messerscharf analysiere Papst Leo „die toxische Verbindung von technischer Macht und Herrschaftsanspruch“, sagt Prof. Alexander Filipović, Lehrstuhlinhaber für Christliche Sozialethik an der Universität Wien und Mitglied des ZdK. „Sie begegnet uns in der Gegenwart – gerade in Zeiten antiliberaler Politik – besorgniserregend oft. Wo Tech-Milliardäre, wie derzeit in den USA, zu nah an die politische Macht herankommen, droht ein antidemokratischer Tech-Totalitarismus.“ Der Papst mache klar, dass zu den Gütern, die für alle bestimmt seien, heute auch „die neuen Formen des Eigentums zählen: Patente, Algorithmen, digitale Plattformen, technologische Infrastrukturen, Daten“. KI gemeinwohlorientiert zu gestalten, sie ‚der Logik des bewaffneten Wettbewerbs zu entziehen, der heute nicht mehr nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher und kognitiver Natur ist‘, erweist sich somit als die zentrale Herausforderung unserer Zeit.“
„Es ist die besondere Stärke eines Papstes mit US-amerikanischer Herkunft, dass er die Werte des Christentums mit Werten, die eine liberale Demokratie kennzeichnen, bei der Bewertung von Künstlicher Intelligenz in direkte Verbindung setzt“, so Stetter-Karp. „Unveräußerliche Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Schutz von vulnerablen Gruppen und Individuen sind für ihn selbstverständliche und wertvolle Begriffe. Dass er die Enzyklika heute nicht nur persönlich, sondern unter anderem im Beisein des KI-Forschers und Trump-Kritikers Christopher Olah vorgestellt hat, signalisiert, wie leidenschaftlich und zugleich durchdacht dieser Papst sein Profil setzt. Er steht für die Bewahrung des Menschlichen, die er konkret buchstabiert.“
Diese Bewahrung des Menschlichen als Grundmotiv der Sozialethik lege Leo XIV. durch den Bezug auf vorausgehende Sozialenzykliken dar, so Alexander Filipović. „Er hat ‚Magnifica Humanitas‘ bereits am 15. Mai unterschrieben, damit stellt er eine direkte Verbindung zur Mutter aller Sozialenzykliken – ‚Rerum Novarum‘ von Mai 1891 – her. Und damit auch zu Leo XIII. Er würdigt dessen Aussagen zu den ‚neuen Dingen‘, zur Notwendigkeit, eine gerechte Gesellschaft unter den Bedingungen der Industrialisierung herzustellen. Zugleich macht Leo XIV. deutlich, dass die Herausforderung im 21. Jahrhundert eine wiederum neue ist: Künstliche Intelligenz in ihrer Auswirkung auf Wahrheit, Arbeit und Freiheit.“
Es sei allerdings leichter gesagt als getan, in diesen Zeiten „eine Stadt zu bauen, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen“, wie der Papst es fordere, so Stetter-Karp. Einem neuen Turmbau zu Babel zu widerstehen, wie Leo XIV. es in den ersten Sätzen der Enzyklika ins Bild fasse, setze voraus, „die eigene Urteilskraft zu erhalten und täglich neu auszubauen. Das ist in der Allgegenwart Künstlicher Intelligenz eine große Aufgabe. Wir brauchen dazu eine Form von Bildung, die das Neue beständig zu bewerten weiß. Das ist eine riesige Herausforderung für Kindergarten, Schule, Ausbildungsbetriebe und Universitäten.“
Stetter-Karp zeigt sich zugleich dankbar dafür, „dass der Papst mit diesem Schreiben die katholische Soziallehre als zukunftsweisend markiert. Wir als Vertretung der katholischen Zivilgesellschaft in Deutschland fühlen uns von Leo XIV. damit gestützt. Und wir sehen uns vor der Aufgabe, die Art des durch ihn nun weltweit angestoßenen Diskurses über Künstliche Intelligenz mitzutragen und in seinem Sinne voranzutreiben.“
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