Achtsamkeit darf nicht im Privaten enden
ZdK-Thema des Monats November 2026
Wir leben in politisch unruhigen Zeiten. Krisen überlagern sich, die öffentlichen Mittel werden knapper, der Blick richtet sich nach innen. Internationale Solidarität erscheint heute wie etwas, das wir uns in besseren Zeiten leisten konnten. Aber Solidarität ist kein Luxus für gute Zeiten. Gerade unter Druck zeigt sich, ob sie wirklich trägt, sagt ZdK-Vizepräsidentin und Abteilungsleiterin bei Misereor Dorothee Klüppel.
„Irgendwann muss es auch mal gut sein.“ Kaum ein Satz kann Menschen, die einen schweren Verlust tragen, so verletzen. Sei jetzt still. Füge dich ins Unvermeidliche. Wir haben lange genug zugehört.
Vielleicht ist das gar nicht lieblos gemeint. Vielleicht spricht daraus Überforderung. Ich kann doch auch nicht mehr. Ich muss mich auch noch um anderes kümmern. Doch was, wenn es eben noch nicht gut ist? Wenn Menschen die Ursachen ihrer Trauer, ihrer Armut, ihrer Rechtlosigkeit nicht aus eigener Kraft überwinden können?
Diese Frage stellt sich längst auch politisch. Doch der Blick auf die Not der Anderen scheint immer weniger selbstverständlich zu sein. Haben wir nicht genug eigene Probleme im Land? Müssen wir nicht schauen, dass wir uns um uns selber kümmern?
Für Christinnen und Christen geht es in dieser Frage um mehr als um politische Zweckmäßigkeit. Uns verbindet nicht die Gleichheit unserer Lebenslagen, sondern die gleiche Würde jedes Menschen. Wenn wir glauben, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, können wir seine Würde nicht davon abhängig machen, wo er geboren wurde, welcher Religion er angehört, welches Geschlecht er hat oder welchen Nutzen er für uns besitzt. Kirche wird dort glaubwürdig, wo aus dieser gleichen Würde konkrete Solidarität wird.
Vielleicht haben wir aber verlernt, genau hinzusehen. Wir sprechen viel von Achtsamkeit und erleben zugleich, wie die gesellschaftliche Sprache rauer wird, Menschen abgewertet und Gleichberechtigung und Menschenrechte relativiert werden. Achtsamkeit darf deshalb nicht im Privaten enden. Politisch verstanden fragt sie: Wessen Stimme hören wir? Wer bestimmt die Themen? Wer verfügt über Geld und Einfluss? Und wer wird übergangen?
Das gilt auch für uns selbst. Entwicklungsorganisationen, Kirchen und solidarisch Handelnde verfügen über Deutungs-, Auswahl- und Ressourcenmacht. Solidarität bedeutet deshalb nicht, für andere zu sprechen. Sie bedeutet, zuzuhören, Handlungsmacht anzuerkennen und bereit zu sein, die eigene Macht zu prüfen und zu teilen.
Schweigen vergrößert den Raum der Scharfmacher
Wir erleben derzeit überall, dass Debatten immer schärfer geführt werden. Wo vermeintlich Schwächere lächerlich gemacht, aus Entscheidungen gedrängt oder in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt werden, wo Menschen, die eine andere Position vertreten, mit Hass konfrontiert und diffamiert werden, ist Wegsehen nicht einfach Neutralität. Schweigen vergrößert nur den Raum für die Scharfmacher.
Ein Beispiel: Die Debatte über die Rückkehr syrischer Geflüchteter wird in Europa zunehmend intensiv geführt. Die Situation in Syrien erfüllt nach Einschätzung zahlreicher Akteure jedoch weiterhin nicht die Voraussetzungen für sichere, würdevolle und nachhaltige Rückkehr in großem Maßstab. Immer wieder kommt es zu Anschlägen, Racheakten und Gewalt gegen Minderheiten. Kirchliche und zivilgesellschaftliche Organisationen vor Ort formulieren es so: Das Land hat den Krieg nicht hinter sich gelassen – die Konflikte haben ihre Form verändert.
Besonders hart ist es für Frauen. Die Leiterin einer Frauenrechtsorganisation aus Syrien berichtet von politischen Gesprächen in Berlin: Während sie selbst aufgrund ihrer Arbeit durch eine Hasskampagne im Netz bedroht wird, erlebt sie bei Gesprächen im politischen Berlin eine scheinbar positive Haltung vieler politischer Akteure gegenüber der neuen syrischen Führung. Ihrer Ansicht nach geht es dabei lediglich darum, den Boden für die Rückkehr einer großen Zahl syrischer Flüchtlinge zu bereiten. Und so fährt sie mit dem Eindruck zurück, dass viele politische Akteure jene demokratischen und liberalen Prinzipien, die sie sonst so hochhalten, in der Praxis kaum achten.
Die Achtlosigkeit, die wir heute vielerorts erleben, erscheint als eine Sackgasse, die kein Problem löst. In einer Sackgasse hilft es nicht, immer schneller weiterzufahren. Wir müssen umkehren. Im christlichen Sinne ist Umkehr kein Rückzug, sondern eine Bewegung hin zum anderen: wieder hinsehen, zuhören, widersprechen, teilen. Und dann: Haltung zeigen, um gleiche Würde für alle und demokratische Teilhabe möglich zu machen. Nicht fragen: Wann ist es endlich gut? Sondern: Was braucht es, damit es für alle gut werden kann?
Dorothee Klüppel, geboren 1971, Psychologin und Organisationsberaterin, ist gewählte Vizepräsidentin des ZdK. Die Abteilungsleiterin für Afrika und den Nahen Osten arbeitet seit 2006 für Misereor in Aachen. Zuvor etablierte sie in Kenia ein Programm zur Traumabewältigung im zivilen Friedensdienst. Dieses Programm dient vor allem dazu, inter-ethnische und gender-basierte Konflikte zu lösen. Nach Jahrzehnten autoritärer Herrschaft fehlt es in Kenia, das seit 2010 eine Präsidialrepublik ist, bis heute an Vertrauen zwischen gesellschaftlichen Gruppen. Im Vorfeld der für Mitte 2027 geplanten Wahlen verschärft sich bereits seit einigen Monaten die Gewaltlage in Kenia deutlich.
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