Ein Papst in Bewegung: Warum die KI-Enzyklika von Leo XIV. ein starkes Zeichen ist

ZdK-Thema des Monats Juni 2026

Die große Stärke der Enzyklika liegt für mich darin, dass sie Künstliche Intelligenz nicht technikfeindlich verurteilt, aber auch nicht naiv feiert. Sie stellt die entscheidende Frage: Welche Art von Welt bauen wir mit diesen Technologien? Der Papst greift dafür die biblischen Bilder von Babel und Jerusalem auf. Babel steht für Hybris, Herrschaft, Effizienz ohne Rücksicht auf Würde. Jerusalem steht für Beziehung, Solidarität und gemeinsames Bauen. Das ist ein starkes Bild für unsere Gegenwart. KI kann Ausdruck eines neuen Babels werden: wenn sie der Kontrolle, Ausbeutung, Manipulation, Überwachung oder militärischen Eskalation dient. Sie kann aber auch Teil eines gerechteren Zusammenlebens werden, wenn sie gemeinwohlorientiert gestaltet wird.

Leos erstes Rundschreiben ist zudem eine Sozialenzyklika. Und was für eine. Die ersten zwei Kapitel sind nicht bloß ein Vorspann im Sinne von „Was bisher geschah“. Papst Leo XIV. rekonstruiert die Soziallehre der Kirche als eine moderne christliche Sozialethik und kanonisiert sie damit von höchster Stelle als einen wertvollen Schatz der Kirche. 

Zweifellos: KI ist ein soziales Thema. Menschenwürde, Gemeinwohl, Solidarität, Gerechtigkeit, Menschenrechte und der Schutz vulnerabler Gruppen sind keine abstrakten Begriffe. Sie werden durch KI sehr konkret herausgefordert. Wer kontrolliert Daten? Wer besitzt Modelle und Infrastrukturen? Wer profitiert von Automatisierung? Wer wird überwacht, ausgeschlossen oder diskriminiert? Wenn Papst Leo sagt, dass zu den Gütern, die für alle bestimmt sind, heute auch Patente, Algorithmen, Plattformen, technologische Infrastrukturen und Daten gehören, dann ist das ein sozialethisch starkes Signal. Es widerspricht einer Logik, in der wenige Unternehmen oder Tech-Milliardäre über zentrale Infrastrukturen unserer Zukunft verfügen.

Gerade deshalb ist KI ein Thema für Christinnen und Christen. Christlicher Glaube zwingt uns zu fragen, wie Menschen gut leben können, wie Gerechtigkeit möglich wird und wie die Würde jedes Menschen geschützt werden kann. Wenn KI unsere Gegenwart so tiefgreifend prägt, dann gehört sie ins Zentrum christlicher Verantwortung. Es geht um Wahrheit in Zeiten von Desinformation, um Freiheit in Zeiten digitaler Kontrolle, um Arbeit in Zeiten von Automatisierung, um Demokratie in Zeiten algorithmischer Macht und um die Bewahrung des Menschlichen unter Bedingungen technischer Beschleunigung.

 

Hier dynamisch, da unbeweglich – wie lange geht das noch gut?

Die Kirche leistet sich mit dieser Enzyklika einen Modernisierungsschub. Man hat nie den Eindruck, hier redet eine uralte Institution peinlicherweise über etwas, das ihr total äußerlich ist. In der Tat, hier kann man „kirchliche Intelligenz“ entdecken, wie die TAZ getitelt hat. Allerdings: Aufgeschlossenheit gegenüber der Wirklichkeit in Sachen soziale Gerechtigkeit „kostet“ nicht viel. Die jugendliche Dynamik dieser Enzyklika darf nicht über die Unbeweglichkeiten der Katholischen Kirche im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit oder die Vielfalt der Lebens- und Liebesformen hinwegtäuschen.

Zur Stärke der Enzyklika gehört auch, dass Papst Leo die Kirche daran erinnert, dass die Kirche selbst lernen, sich prüfen und kritisieren lassen muss. Das ist glaubwürdig. Wer von Gesellschaft und Technologie Verantwortung fordert, muss auch die eigenen Strukturen an Menschenwürde, Transparenz, Teilhabe und Gerechtigkeit messen. Hier hätte ich mir allerdings noch mehr Konsequenz gewünscht. Besonders mit Blick auf Frauen bleibt die Enzyklika zu vorsichtig. Wenn Gleichberechtigung in der Gesellschaft gefordert wird, muss auch die Kirche selbstkritisch fragen, was dies für ihre eigenen Macht- und Beteiligungsstrukturen bedeutet. Die Stimmen von Frauen und nicht-westlichen Perspektiven hätten beim Thema KI noch stärker sichtbar werden können.

Magnifica Humanitas ein wichtiger und mutiger Auftakt des Pontifikats. Die Enzyklika markiert die katholische Soziallehre als zukunftsfähig. Sie macht deutlich: Die großen sozialen Fragen unserer Zeit entstehen nicht trotz, sondern mitten in technologischen Entwicklungen. KI ist eine der zentralen Baustellen der Gegenwart. Und genau dort muss christliche Verantwortung ansetzen — nicht ängstlich, nicht verspätet, nicht technikblind, sondern wach, lernbereit und klar am Gemeinwohl orientiert.

Alexander Filipović, geboren 1975, ist Professor für Christliche Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Er ist seit 2021 zugewähltes Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Von 2018 bis 2020 war er Mitglied der Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche, soziale und ökologische Potenziale“ des Deutschen Bundestags. Filipović forscht und publiziert umfassend zu den ethischen und gesellschaftlichen Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz. 
Im Juni 2026 erscheint sein Buch „Pragmatismus, Gerechtigkeit, Technikethik. Aktualisierungen Christlicher Sozialethik im 21. Jahrhundert“ bei Brill | Schöningh. https://doi.org/10.30965/9783657798070

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