Unerschrockenheit statt Wankelmut

ZdK-Thema des Monats Oktober 2026

Die Landtagswahlen im September haben erneut die Debatte über den Umgang mit der AfD entfacht. Angesichts ihrer Erfolge warnt Dr. Andreas Püttmann, Journalist, Autor und ZdK-Mitglied, davor, sich von Verunsicherung und Wankelmut bestimmen zu lassen. Die „Brandmauer“ habe ihren Sinn nicht verloren: Sie soll die AfD von Staatsmacht und politischem Einfluss fernhalten. Auch den klaren Kurs der Kirchen gelte es nicht vorschnell infrage zu stellen. Gefragt seien vielmehr Unerschrockenheit und ein klares Eintreten für demokratische und humane Grundsätze.

In den Landtagswahlen vom September waren 5,5 Millionen Menschen zu den Urnen gerufen - in Bundesländern, die atypisch für die Kräfteverhältnisse im gesamten Land sind: Linksdrall in der Hauptstadt, Rechtsdrall in den ehemaligen DDR-Gebieten. Allen drei gemeinsam: der geringe Christenanteil (Katholiken: 3-3-7 %). Obwohl nur jeder vierzehnte deutsche Wähler - nicht repräsentativ - seine Parteipräferenz kundtat, weckten manche Reaktionen den Eindruck, die Demokratie stehe kurz vor dem Fall. Ja, dass so viele sich geschichtsvergessen Rechtsextremen zuwenden und Gefahren für Mitmenschen in Kauf nehmen, erschreckt. Doch auch der Wankelmut mancher ist verstörend. Erste Unionspolitiker erklärten die „Brandmauer“ für gescheitert und verfälschten dabei ihren Sinn: Sie soll nicht die AfD schrumpfen, sondern von Staatsmacht und Einfluss auf andere Parteien fernhalten. Das gelingt seit 13 Jahren. Zudem weiß niemand, ob die AfD ohne Brandmauer nicht stärker dastünde.

Auch in den Kirchen werden vereinzelt Stimmen laut, die am bisherigen Kurs gegenüber der AfD zweifeln, Kritik an AfD-Wählern als kontraproduktiv schelten oder herausstreichen, wie viele „christliche“ AfD-Wähler es gebe. So als wären Kirchenmitglieder Marsmännchen von einem anderen Stern, die keinen konkurrierenden Einflüssen der Gesellschaft und menschlichen Schwächen unterliegen. Bitte realistischere Messlatten! Und mehr Unterscheidung zwischen „den christlichen“ Voten und Auszählungen nach formaler Kirchenmitgliedschaft. Ohne die Urteilskraft von Christen hätte die AfD in Magdeburg mit 47 % nun die absolute Sitzmehrheit. Im Bund erreichte sie laut Allensbach 2025 unter katholischen Kirchgängern nur ein Drittel der Zustimmung durch Konfessionslose. Das ist kein „Scheitern“ der Kirchen, sondern Wirksamkeit!

Extremisten saugen Honig aus jedem Signal der Verunsicherung und Uneinigkeit ihrer Gegner, aus jeder Relativierung grundsatztreuer Unnachgiebigkeit. Wer sich zu beeindruckt von ihren Erfolgen zeigt und deren Ursache sich selbst zuschreibt, der verschiebt das ethische „Normal“ der Gesellschaft. Nicht ein: „Was ist mit uns falsch?“ darf primär die öffentliche Reaktion demokratischer Akteure sein. Die Wahl menschenfeindlicher Extremisten ist unmoralisch, auch wenn man selbst kein Extremist ist. Wer sich das nicht mehr zu sagen traut, ist schon Teil der Wanderdüne. Nicht jeder muss die Geister so klar unterscheiden; andere dürfen, quasi in Arbeitsteilung, gern verbindlicher auftreten - aber ohne die Verteidiger humaner Tabus als Scharfmacher zu delegitimieren.

Auch NSDAP-Wähler waren teils „Protestwähler“. Den Opfern nützte es nichts. Dass die Kirche ihre „Brandmauer“ nach der Machtergreifung aufgab, ihre Kritik leiser wurde und Arrangeure den Ausgleich mit den „demokratisch Gewählten“ suchten, wurde jahrzehntelang angeprangert. Wollen wir nun wieder so anfangen, sogar schon bevor Rechtsextremisten Staatsmacht sind? Ratsamer als ein Bild des Wankelmuts abzugeben ist eines der Unerschrockenheit: „Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel“ (Jes 50,7).

Nach dem Tag der Deutschen Einheit sollten wir den 56 Prozent der Ostdeutschen, die der AfD bisher eine Absage erteilen, mehr Aufmerksamkeit schenken. In Ost und West begrüßt die Bevölkerung laut INSA mehrheitlich den klaren Kurs der Kirchen gegen die AfD, zusammen weniger als ein Drittel findet ihn „nicht gut“ (31 %). Katholiken sind besonders zufrieden (59 %). Das klare Zeugnis der Kirchen beeindruckt. Manche hält es sogar vom Austritt ab. Mehr Erfolg wünschen kann man immer. Aber bitte im Licht der Anthropologie des Christentums. Verblendung und böse Antriebe gehören dazu. Wir können sie nur eindämmen. Und Niederlagen mit Würde tragen. Etiam si omnes, ego non! Was sind unsere kleinen sozialen Blessuren gegen Haltung und Opfer eines Nikolaus Groß, einer Sophie Scholl, eines Fritz Gerlich? „Seid stark, fürchtet euch nicht!“ (Jes 35,4).

Dr. Andreas Püttmann (62) studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Staatsrecht in Bonn und Paris. Von 1987 bis 1989 war er freier Mitarbeiter beim WDR-Hörfunk, von 1989 bis 1991 Redakteur beim „Rheinischen Merkur“. 1994 promovierte er bei Wolfgang Bergsdorf und Josef Isensee zum Thema „Ziviler Ungehorsam und christliche Bürgerloyalität“. Von 1995 bis 1997 war Püttmann Referent für Journalistenförderung, von 1997 bis 2002 Referatsleiter für Südwestdeutsche Hochschulen in der KAS-Begabtenförderung. Seit 2002 ist er als freier Publizist in Bonn tätig. Zu seinen Büchern zählen unter anderem „Gesellschaft ohne Gott“ (2010) und „Wie katholisch ist Deutschland und was hat es davon?“ (2017). Zuletzt veröffentlichte er Buchbeiträge zu Rechtspopulismus, Demokratiekrise, CDU, Rechtskatholiken, Kirche und Politik sowie umkämpfter Sprache. Er arbeitet unter anderem für die „Blätter für deutsche und internationale Politik“, die „Herder Korrespondenz“, katholisch.de und domradio. 2025 wurde Dr. Püttmann in das ZdK gewählt, 2026 in die Jury des Katholischen Preises gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

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