Wer schützt vor häuslicher Gewalt? Ein Weckruf

ZdK-Thema des Monats März 2026

Die aktuelle Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBIA) bestätigt, was Fachpraxis und Betroffene seit Jahren berichten: Häusliche Gewalt ist Alltag, mitten in der Gesellschaft und meist unsichtbar. Die Juristin Yvonne Fritz sagt: Es gibt zu wenig Hilfsangebote für die Betroffenen. Was ist zu tun? 

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Frauen sind deutlich häufiger, schwerer und in ihrem engsten Umfeld von partnerschaftlicher und geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen, besonders bei sexuellen Übergriffen, sexueller Belästigung und Stalking. Junge Menschen erleben nahezu alle Gewaltformen häufiger als Ältere, Personen mit Migrationshintergrund (vor allem Frauen) sowie LSBTIQ*-Personen erleben überdurchschnittlich oft Gewalt.

Nur ein verschwindet geringer Anteil der Taten wird zur Anzeige gebracht. Dies hat verschiedene Ursachen. Viele Betroffene hoffen zunächst auf Besserung. Partnerschaftliche Gewaltdynamiken werden für Betroffene zur Normalität, die sie selbst nicht als Straftaten wahrnehmen. Häusliche Gewalt wird auch vom sozialen Umfeld und leider auch von Justiz oft als private Streitigkeiten bagatellisiert und durch Eifersucht und Überreaktion in Beziehungskonflikten verharmlost. Dies trifft insbesondere bei psychischer, digitaler oder erstmal auftretender körperlicher Gewalt zu. Neben Scham hindert auch die begründete Angst einer Gewalteskalation viele Betroffene daran, sich Hilfe zu suchen und Anzeige zu stellen. Finanzielle, emotionale und/oder aufenthaltsrechtliche Abhängigkeiten erschweren es zusätzlich, gegen den Täter vorzugehen. 

Das höchste Risiko für die Opfer besteht faktisch zum Zeitpunkt der (beabsichtigten) Trennung. Und auch wenn dieser Schritt getan wird und Anzeige gestellt wird, muss damit gerechnet werden, dass den Betroffenen nicht geglaubt wird, dass lange und belastende Verfahren zu erwarten sind und mögliche Gegenanzeigen und Sorgerechtskonflikte ausgetragen werden müssen. 

Das führt dazu, dass Betroffene oft zweifeln, ob eine Anzeige überhaupt etwas bringt, zumal die Erfolgsquote hinsichtlich der Verurteilungen minimal ist.

Aber gerade die niedrige Anzeigequote führt dazu, dass die Polizei / Politik nur einen kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Gewaltlage sehen und daher falsche Schwerpunkte in finanzielle und personelle Ressourcen setzen. Präventionsprogramme und Öffentlichkeitsarbeit bleiben daher unterrepräsentiert und das führt dazu, dass weniger öffentlicher Druck besteht, dem Thema mehr Priorität zu geben.

Was muss sich daher ändern? 

Polizei und Justiz brauchen bessere Ausstattung und verbindliche Schulungen. Es braucht spezialisierte Stellen, traumasensible Vernehmungen, Schutz vor Gegenanzeigen und vor digitaler Hetze. Modellprojekte wie der Einsatz von psychosozialer Prozessbegleitung in Fällen Häuslicher Gewalt sind gute Ansätze, die es zu verstetigen gilt. Eine Anzeige darf kein Hochrisikoprojekt sein, das das Leben der Betroffenen noch gefährlicher macht.

Das Thema Häusliche Gewalt gehört in den Mittelpunkt von Innen‑, Rechts‑ und Sozialpolitik. – Es braucht verbindliche kommunale Schutzkonzepte, klare Zuständigkeiten und eine dauerhafter auskömmliche Finanzierung - keine Modellprojekte mehr, die enden, sobald die Regierung wechselt.

Die Schutzstrukturen müssen deutlich ausgebaut werden. Wir benötigen mehr Frauenhäuser, Schutzwohnungen und spezialisierte Beratungsstellen - barrierefrei, mehrsprachig, gut erreichbar, auch auf dem Land.

Unternehmen und Vereine müssen Orte sein, bei denen alle, insbesondere Führungskräfte für das Thema sensibilisiert und geschult werden.

Mitbetroffene Kinder leiden unter der Gewalttätigkeit in der Familie – oft jahrelang. Damit sie Gewalt nicht als normalen Weg der Konfliktlösung übernehmen, braucht es verbindlich finanzierte Präventionsangebote wie etwa „Präge“ des SkF Landesverbandes Bayern, das bereits in Schulen das Thema Häusliche Gewalt bearbeitet.

Wir als Gesellschaft müssen Verantwortung übernehmen und dürfen Häusliche Gewalt in Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis nicht länger dulden. Gewalt ist nie Privatsache! Letztendlich gilt: Kein Opfer sollte für sich abwägen müssen, ob eine Anzeige das eigene Leben noch gefährlicher macht oder ob man Gewalt im Verborgenen auszuhalten hat. 

Diese Studie ist mehr als ein Weckruf: Sie nimmt uns als Gesellschaft die Ausreden.

Yvonne Fritz, geboren 1965, ist stellvertretende Vorsitzende des Caritasrates des DCV, Vorstandsmitglied der Kinder-und Jugendhilfe der Caritas sowie Vorständin des Sozialdienstes katholischer Frauen (skf). Zum Thema „häusliche Gewalt“ hat sie vielfach publiziert und in der Vollversammlung des ZdK gesprochen.

Haben Sie Fragen?

Telefon: +49 (0) 30 166380-630
E-Mail: presse(at)zdk.de

keyboard_arrow_up