Vernagelte Fenster
Vier Tage in der Ukraine. Ein Reisebericht von Pascal Bartelheimer
Wir sind unterwegs mit einer Delegation polnischer, französischer, britischer und deutscher Kolleg*innen aus dem Netzwerk der „Initiative Christen für Europa“ (IXE). Unser Ziel: Lviv im Westen der Ukraine. Der Jahrestag des großflächigen Angriffs Russlands steht bevor. Erinnerungen an den 24. Februar 2022 mischen sich mit Eindrücken von heute – und dem Gedanken daran, dass dieser Krieg eigentlich schon 2014 begonnen hat, mit der Okkupation der Krim. Was hält die ukrainische Gesellschaft bis heute zusammen?
Der Krieg herrscht. Da ist die Luftalarm-App auf dem Handy, die nächtliche Ausgangssperre. Da sind Soldat*innen und Militärfahrzeuge in der Innenstadt. Auf einem bereits überfüllten Soldat*innenfriedhof wird gebetet. Und da sind diese Gespräche, mit Veteran*innen und Zivilist*innen. Der Krieg hat sie körperlich und seelisch gezeichnet.
Meine Träume aber sind beherrscht von Brettern. Sie sind vor die Mosaikfenster der vielen Kirchen in Lviv genagelt. Sie erinnerten mich an Kirchenführungen, die ich in Deutschland erlebt habe – zuletzt im Erfurter Dom beim Katholikentags 2024. Kirchenführungen, in denen berichtet wird, wie die originalen Kirchenfenster in einem vergangenen Krieg vor Zerstörung geschützt oder für immer zerbrochen wurden. Eines Tages – hoffentlich sehr bald – werden auch in Lviv wieder Menschen in Frieden bei einer Kirchenführung beiläufig auf die bunten Mosaike hinweisen, die der russische Angriffskrieg nicht zerbrechen konnte.
Zur vierten Jährung der russischen Invasion bin ich zusammen mit der Initiative Christen für Europa (IXE) in der Ukraine. Pater Dr. Roman Fihas, der die Ukrainischen Ökumenischen Sozialwochen vertritt, hat uns eingeladen, uns vom 21.-24. Februar gemeinsam an der Ukrainischen Katholischen Universität (UCU) in Lviv zu treffen. „Uns“ – das sind Delegierte aus Frankreich, Polen, Großbritannien und Deutschland. Wir sind eine kleine Gruppe aus dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), die mit dabei ist: Neben mir sind es die Sprecherin des Sachbereichs „Internationales und Nachhaltigkeit“, Marie von Manteuffel, die ZdK-Vertreterin im Steering Committee des Europäischen Laienforums (ELF), Dr. Karlies Abmeier, das ZdK-Hauptausschussmitglied Prof. Clemens Ladenburger und die Leiterin der Abteilung Politik und Gesellschaft im Generalsekretariat, Claudia Gawrich.
Es sollen Tage voller Begegnungen werden. Wir erfahren, wie herzlich und offen die Menschen in der Ukraine sind. Es ist gut zu erleben, wie sie Kraft aus unserer Solidarität ziehen. Zugleich spüren wir den unvorstellbaren Eifer, der alle unsere Gesprächspartner*innen – auch nach vier Jahren Krieg, Schmerz und Trauer – durchdringt und trägt. Die Menschen ergeben sich ihrem Schicksal nicht. Sie stellen sich dem Krieg einzeln und in Gemeinschaft entgegen. Und sie richten ihren Blick immer auch in eine Zukunft des Friedens in der Ukraine. Diesen Frieden versuchen sie alle bereits jetzt vorzubereiten. Wo der Krieg ein Holzbrett vor ein farbenfrohes Mosaik genagelt hat, fühlt es sich an, als könnten die Menschen bereits klar die gefärbten Lichtstrahlen erkennen, die eines Tages wieder durch das Fenster scheinen. Egal wo wir sind – egal mit wem wir sprechen – überall erleben wir, wie ein kaum vorstellbarerer Antrieb unsere Gesprächspartner*innen dazu befähigt, unaufhaltsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten.
Wir dürfen sehen, wie die griechisch-katholische und armenisch-apostolische Diaspora – trotz historisch anhaltendem Leiden – wieder aufblühen. Wir erleben, wie die Universität intensiv und kreativ daran arbeitet, jungen Menschen trotz des anhaltenden Krieges eine ernsthafte Perspektive zu bieten und sie für eine Zeit nach dem Krieg mit den nötigen Kompetenzen auszustatten, um die Ukraine wieder aufzubauen und zu transformieren. Wir hören Menschen zu, die als Freiwillige in die Ukraine zurückgekehrt sind. Menschen, die ihre Extremitäten verloren, um für ihren Glauben an die Zukunft der Ukraine zu kämpfen. Wir sehen – und dürfen dies durch eines unserer beiden in Lviv gegründeten Förderprojekte unterstützen –, wie die Caritas Lviv sich um Veteran*innen, ihre Partner*innen und Kinder sorgt. Mit einer Professionalität und einem Engagement, wie ich es mir als Veteranensohn in Deutschland während meine Kindheit nur hätte erträumen können. Wir schauen einer Fußballmannschaft beim Training zu. Zweiundzwanzig Spieler ab dem Alter von elf Jahren, allesamt mit Amputationen, lassen sich nicht vom Fußballspielen abhalten. Wir treffen Kinder in einem Waisenhaus von Don Bosco Lviv, die uns voller Freude und Stolz ihre bescheidenen Räume präsentieren. Kinder, von denen 13 ohne Eltern aus den von Russland besetzten Gebieten evakuiert wurden. Kinder, denen wir mit unserem zweiten Förderprojekt helfen möchten.
Wir besuchen auch ein einfaches Stadtkrankenhaus, das zu einem Zentrum der ganzheitlichen medizinischen Versorgung und Nachbetreuung auf höchstem technischen Niveau ausgebaut wird. Jährlich kann es 1.000 Menschen mit Prothesen versorgen. Wir hören von unzähligen Projekten, die alle dazu dienen, Menschen adäquat zu helfen und ihnen ein selbstbestimmtes Leben in Würde zu ermöglichen.
Ebenso teilen alle unsere Gesprächspartner*innen jedoch auch eine desillusionierende Klarheit über die Zukunft und das ersehnte Ende des Krieges. Eine Klarheit, die Enttäuschungserfahrungen entspringt, die sich für die Ukrainer*innen seit Generationen wiederholen. Wir sprechen mit Myroslav Marynovych, der wegen seiner Aktivitäten als Menschenrechtsaktivist zu Zeiten der Sowjetunion zehn Jahre als politischer Gefangener in einem Gulag inhaftiert war. Wir erfahren von der systematischen Unterdrückung der Ukrainisch-Griechisch-Katholischen Kirche, von den vielen Facetten des Genozids an den Ukrainer*innen in den 1930er Jahren, den Völkerrechtsverbrechen in der Westukraine in den 1940er Jahren und der Unterdrückung und Massendeportationen während der gesamten Sowjetzeit, die die Identität der Gläubigen bis heute prägen. Vor allem erfahren wir von unverarbeitetem Schmerz. Auf Gerechtigkeit und die Verurteilung von Völkerrechtsverbrechen, wie wir sie in Deutschland durch die Nürnberger-Prozesse oder die Mauerschützenprozesse erlebt haben, warten die Ukrainer*innen bis heute.
Für alle unsere Gesprächspartner*innen ist klar: Spätestens nach dem Massaker in Butscha im Jahr 2022 ist es unstrittig, dass Russland nach demselben Motiv handelt, welches bereits zu Sowjetzeiten zu den Verbrechen am ukrainischen Volk führte. Dieses Bewusstsein ist es, was unsere Gesprächspartner*innen überkonfessionell und überparteilich geschlossen dazu bewegt, sich auch als Christen für die Fortsetzung des militärischen Widerstands gegen die russische Invasion einzusetzen.
Doch wer denkt, diese desillusionierenden Erfahrungen der Ohnmacht ließen die Ukrainer*innen am Ideal des internationalen Rechts zweifeln, irrt sich. Sie halten fest an den unverletzlichen universellen Werten der internationalen Gemeinschaft und sind fest entschlossen, deren Verwirklichung einzufordern. Unsere Gesprächspartner*innen erklären uns, dass es keinen Frieden geben kann, solange die russischen Verbrechen nicht vor ein Tribunal kommen. Und dass der Krieg erneut kommen wird, sollte es keine völkerrechtlichen Konsequenzen und handfesten Sicherheitsgarantien geben.
Wie viele Opfer dieser Krieg schon jetzt in einer Stat wie Lviv gefordert hat, wird uns auf dem großen Soldat*innenfriedhof vor Augen geführt. Wir besuchen hier Gräber junger Menschen, die wir zuvor an einem anderen Ort auf Fotos gesehen haben – inmitten des Hauptgebäudes der Universität. Dort stehen wir vor einem großen Bildschirm und sehen eine immer weiterlaufende Diashow von 38 Studierenden und Mitarbeitenden der Universität, die als Soldat*innen oder Zivilist*innen durch russische Angriffe getötet wurden. Auf einem Bild: der Bruder unseres ukrainischen IXE-Mitglieds. Auf dem nächsten Bild: eine 18-jährige Studentin, die gemeinsam mit ihren zwei Schwestern und ihrer Mutter durch einen russischen Raketenangriff starb. Ein weiteres Bild: ein Absolvent der Universität, als Funker beim Militär. Er ist überzeugt von der Notwendigkeit der ukrainischen Selbstverteidigung, jedoch trägt er selbst keine Waffe bei sich, weil er niemanden verletzen will. Er stirbt und hinterlässt zwei kleine Kinder. Auf einem anderen Bild: der Sohn des Rektors der Universität, der mit 27 kaum älter als ich geworden ist. Gemeinsam beten wir für sie und hören Erzählungen über ihr Leben. Neben den Fotos steht der Satz „Heroes never die!“.
An ein baldiges Ende des Leidens und des Krieges glaubt in Lviv niemand. Doch man glaubt fest an eine gerechte, hoffnungsvolle und europäische Zukunft – an eine Zeit, in der die Sonne auch in Lviv wieder durch die Mosaikfenster scheint.
Pascal Bartelheimer, geboren 2001, ist Referent im Generalsekretariat des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) in Berlin. Er betreut geschäftsführend die Sachbereiche „Politik und Gesellschaft“ und „Internationales und Nachhaltigkeit“.
Wir danken unseren Partner*innen der Ukrainisch Katholischen Universität, des Don Bosco Centers, der Caritas Lviv UGCC, der Caritas Ukraine, des Unbroken Rehabilitationscenters und der Parlamentsabgeordneten Natalya Pipa, die uns Einblick in das Leid, die Hoffnung und Stärke der Ukrainer*innen ermöglicht haben. Mit der Lviv-Erklärung fordert die Initiative zur Solidarität mit den Menschen in der Ukraine auf.
Die Initiative der Christen für Europa (IXE) ist ein Zusammenschluss von Laienorganisationen und engagierten Christ*innen aus verschiedenen europäischen Ländern. Das Anliegen der IXE ist es, ein lebendigeres Bewusstsein für ein vereintes Europa in die nationalen Debatten einzubringen. Die Initiative fördert die Begegnung der Christen in Europa und verbreitet die Soziallehre der Kirche. Weitere Informationen unter https://christiansforeurope.com/.
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