„Die Kirche muss demokratische Wege gehen“

Zum Tode des langjährigen ZdK-Präsidenten und konservativen Reformers Hans Maier. Ein Nachruf

Die Liste der Wirkungsfelder Hans Maiers ist lang: Er war Kultusminister in Bayern, ZdK-Präsident, Professor für Christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie in München, Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Diese herausragenden Engagements sind leicht dazu geeignet, andere zu überdecken. Etwa seine Liebe zum Orgelspiel, die ihn bis ins hohe Alter begleitete und ihn zum anerkannten Kirchenmusiker werden ließ. Oder sein reger Dialog mit Künstlerinnen und Künstlern. Die Kirche hielt er für einen Ort, an dem die Entfremdung zwischen Religion und moderner Gesellschaft aufgehoben werden müsse. Kunst und Wissenschaft sollten hier ebenso zu Hause sein wie der Wille zum interreligiösen Dialog – das war seine Überzeugung. Angesichts des kirchlichen Nachholbedarfs auf diesen Feldern gab es viel zu tun für Hans Maier.

Am 18. Juni 1931 in Freiburg geboren, in einem bäuerlichen und zugleich tief katholischen Milieu aufgewachsen, suchte er früh den Weg in geistige Welten – und in die weite Welt, die in den beginnenden 50er Jahren vor allem in Europa lag. Nach dem Abitur studierte er in Freiburg, München und Paris, promovierte und habilitierte sich schließlich 1962 am Münchner Institut für Politische Wissenschaft. Im selben Jahr heiratete er. Mit seiner Frau Adelheid bekam er sechs Töchter. Seine Familie war und blieb sein Ankerpunkt im Leben. Sie war auch ein Ort des Trostes, als ihm seine Frau vor wenigen Monaten in die Ewigkeit vorausging. Am 18. Juni wäre Hans Maier 95 geworden. Diesen Geburtstag zu feiern, war ihm nicht mehr vergönnt.

Politik, Kultur, Geschichte, Musik – in allem war er sein Leben lang als Gesprächspartner gefragt, als Gestalter aktiv. Allein im Zentralkomitee der deutschen Katholiken war er 41 Jahre, von 1967 bis 2008, aktives Mitglied. Zwölf Jahre dieser Zeit, drei Amtszeiten lang, gestaltete Hans Maier als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken die Institution selbst, aber auch das katholische Leben in Deutschland maßgeblich mit. Fünf Deutschen Katholikentagen stand er als Präsident vor und war führendes Mitglied der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1972-1975). In der ZdK-Vollversammlung sprach man von Hans Maier als Universalgelehrtem. Er zog historische Linien, sah immer das große Ganze, verband profundes Wissen mit konkretem politischem Engagement.

Ein Ziel Hans Maiers war es, den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Kirche in Deutschland lebendig werden zu lassen. „Die Kirche ist keine Demokratie, gewiss. Aber sie lebt in einer Demokratie. Will sie in der Gesellschaft präsent sein, so muss sie demokratische Wege gehen, sich demokratischer Mittel bedienen. Was alle angeht, muss auch von allen getragen werden“, schrieb er 2006 in seinem Buch „Keine Demokratie? Laienmeinung zur Kirche“. Im selben Jahr würdigte er in diesem Geist die Würzburger Synode. Bei der Vollversammlung des ZdK im Mai in Saarbrücken befand Maier, die Synode habe „vor mehr als dreißig Jahren den deutschen Katholizismus in eine neue Form gebracht, indem sie synodale Elemente an wichtigen Stellen einführte: am umfassendsten bei den Strukturen der Mitverantwortung in Pfarreien, Dekanaten und Diözesen und – von nicht zu unterschätzender Bedeutung – durch die Schaffung einer Gemeinsamen Konferenz zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken.“ Auch das Zentralkomitee sei im Geist des Konzils „durch Beifügung synodaler Elemente neu gestaltet“ worden: „Seither gehören nicht nur die Verbändevertreter, sondern auch die Diözesanvertreter (neben den Einzelpersönlichkeiten) zu uns.“

Mit badischer Höflichkeit und Verbindlichkeit, aus einem schier grenzenlosen Wissensschatz schöpfend und mit wirkmächtiger Eloquenz, verstand es Hans Maier immer wieder, seiner Kirche, der er aufs Tiefste verbunden war, den Spiegel vorzuhalten. Für manchen Bischof, auch für amtierende Päpste, war Maier unbequem. Papst Benedikt XVI. attestierte er „fehlenden Willen und Kraft, sich durchzusetzen“, Papst Franziskus ein „schwer zu durchschauendes Vor- und Zurück“. Zugleich zeigte er in ökumenischer Haltung der Gesellschaft, was anders wäre, gäbe es das Christentum nicht. Aus dieser Haltung erwuchs auch sein Engagement für den Erhalt der katholischen Schwangerenkonfliktberatung in Deutschland: Nach seiner Amtszeit gehörte er zu den Mitgründern von Donum Vitae. 2016, beim 100. Deutschen Katholikentag in Leipzig, gab Hans Maier seiner Haltung der liebenden Kritik an der Kirche in seiner Rede Ausdruck: „Denn die Wahrheit ist ja keine Einstimmigkeit, kein Unisono.“

Die Vielfalt der Meinungen zu balancieren, Kompromisse zu suchen und am Ende für das Richtige entschieden einzustehen – diese Kunst beherrschte er. In einem Interview, das aus Anlass seines 94. Geburtstags vor einem Jahr in einem ZdK-Sondernewsletter erschien, dachte er in diesem Sinne über die Zukunft des ZdK nach. Er war sicher, dass eine organisierte katholische Zivilgesellschaft „für den deutschen Katholizismus wichtig“ sei. Das ZdK solle „weiter seine Arbeit tun, Stellung nehmen zum Zeitgeschehen und eigene Initiativen entwickeln, die Wirksamkeit in der Öffentlichkeit entfalten. Dabei sollte man die Gemeinsamkeit mit der Deutschen Bischofskonferenz nie aus den Augen verlieren. DBK und ZdK repräsentieren den deutschen Katholizismus auf zweifache, aber gemeinsame Weise. Beide sind Fragmente, sie bedürfen der Ergänzung. Dass sie das Gefühl für ihre Gemeinsamkeit wie für ihre Unterschiedenheit nie verlieren - das ist mein Wunsch für die Zukunft.“ 

Die amtierende Präsidentin des ZdK, Irme Stetter-Karp, würdigte Hans Maier in einer Pressemitteilung zu seinem Tode so: „Mit seiner klaren Haltung und seiner Kompromissfähigkeit hat er die katholische Kirche geprägt, mit der Umsetzung so mancher Beschlüsse der Gemeinsamen Synode auch reformiert. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken verliert mit ihm einen großen Analytiker, einen herausragenden Wissenschaftler und einen politischen Gestalter, in dessen Leben sich Glaube und politisches Handeln untrennbar verbanden.“ Hans Maier starb am 8. Juni 2026 im Alter von 94 Jahren in München. 

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